top of page

Augenhöhe in der Beziehung: Warum Gleichwertigkeit der Schlüsselzu echter Nähe ist

Autorenbild: Oliver Fialova
Oliver Fialova
vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Oben oder unten? Warum Gleichwertigkeit der Schlüssel zu wahrer

Intimität ist

In den ersten beiden Teilen dieser Serie ging es darum, wie wir im Streit in alte

Reaktionsmuster rutschen und wie sich daraus die Verfolger-Rückzügler-Dynamik entwickeln

kann. Doch warum reagieren manche Menschen im Konflikt so überzeugt davon, im Recht zu

sein – während andere sich sofort klein und schuldig fühlen? Die Antwort liegt in einem

Muster, das viele Paare gar nicht als Muster erkennen: dem ständigen Wechsel zwischen

Überlegenheit und Unterlegenheit. Wer Augenhöhe in der Beziehung wiederherstellen

möchte, muss zuerst verstehen, wie dieses Wechselspiel überhaupt entsteht.


Warum muss mein Partner immer recht haben?

Wenn sich ein Partner im Streit ständig überlegen positioniert – besserwisserisch, abwertend,

so, als läge die Verantwortung für Probleme grundsätzlich beim anderen – wirkt das oft wie

Stärke. In der Relational-Life-Therapy-Arbeit nach Terry Real wird dieses Muster als

Grandiosität (Grandiosity) bezeichnet: eine überhöhte Position, aus der heraus man sich selbst

über den Partner stellt. Das Gegenstück dazu ist Scham (Shame): das Gefühl, grundsätzlich

falsch, unzulänglich oder nicht gut genug zu sein – oft verbunden mit einer Opferhaltung (“Ich

mache ja sowieso alles falsch”).

Der entscheidende Punkt: Grandiosität und Scham sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten

derselben Medaille. Beide beschreiben eine vertikale Position – eine Person steht “über” oder

“unter” der anderen, statt auf gleicher Höhe. Und häufig wechseln Menschen zwischen beiden

Polen, je nach Situation: In einem Bereich fühlt man sich überlegen, in einem anderen zutiefst

unzulänglich.


Partner fühlt sich überlegen – was steckt oft dahinter?

Überheblichkeit im Streit (“Ich weiß es sowieso besser”, “Wenn du auf mich gehört hättest…”)

wirkt nach außen oft wie übertriebenes Selbstbewusstsein. In vielen Fällen ist sie jedoch eher

ein Schutzmechanismus vor genau dem gegenteiligen Gefühl: der Angst, selbst nicht gut genug

zu sein. Sich über den Partner zu stellen kann sich – zumindest kurzfristig – sicherer anfühlen,

als sich verletzlich und angreifbar zu zeigen.Auf der anderen Seite steht die Opferhaltung: das Gefühl, in der Beziehung grundsätzlich die

schlechtere Position zu haben, immer nachzugeben, nie richtig gesehen zu werden. Auch das ist

keine bewusste Entscheidung, sondern häufig ein sehr altes, erlerntes Selbstbild.


Warum echte Nähe nur auf Augenhöhe entstehen kann

Verbindung – das Gefühl, wirklich gesehen und verstanden zu werden – kann nur zwischen

zwei gleichwertigen Menschen entstehen. Sobald einer der Partner “oben” (überlegen) oder

“unten” (unterlegen) steht, wird aus dem Gespräch fast automatisch ein Machtkampf statt

eines echten Austauschs. Das bedeutet nicht, dass es keine Meinungsverschiedenheiten mehr

geben darf – sondern dass beide Seiten als gleichwertig behandelt werden, auch wenn sie

unterschiedlicher Meinung sind.

Praktisch zeigt sich Augenhöhe zum Beispiel darin: Beide Sichtweisen werden als

nachvollziehbar behandelt, auch wenn man ihnen nicht zustimmt. Niemand muss sich kleiner

machen, um den Frieden zu wahren. Niemand muss sich größer machen, um gehört zu werden.


Übung: Den inneren Dialog ehrlich prüfen

Diese Übung braucht etwas Ehrlichkeit sich selbst gegenüber – zahlt sich aber schnell aus. Frag

dich beim nächsten Konflikt, möglichst noch während er passiert oder direkt danach:

1. 2. 3. “Halte ich mich in diesem Moment für moralisch oder sachlich überlegen?” –

Merkzeichen dafür: Gedanken wie “Das würde ich nie so machen” oder “Eigentlich

müsste er/sie das doch einsehen.”

“Fühle ich mich in diesem Moment grundsätzlich wertlos oder unzulänglich?” –

Merkzeichen dafür: Gedanken wie “Ich mache sowieso immer alles falsch” oder “Es hat

keinen Sinn, mich zu verteidigen.”

Die Brücke zur Mitte: Wenn du eine der beiden Positionen bei dir erkennst, versuche,

sie bewusst in eine gleichwertige Formulierung zu übersetzen. Aus “Ich weiß es sowieso

besser” wird zum Beispiel: “Ich sehe das anders als du – lass uns beide Seiten

anschauen.” Aus “Ich mache eh alles falsch” wird: “Ich habe hier einen Anteil, und ich

möchte verstehen, wie du das siehst.”

Allein diese innere Umformulierung verändert oft schon den Ton eines Gesprächs, noch bevor

ein einziges Wort gegenüber dem Partner ausgesprochen wurde.


Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst

Überlegenheit und Unterlegenheit fühlen sich im Moment oft wie Gegensätze an – Stärke gegen

Schwäche. Tatsächlich sind beide Ausdruck derselben Unsicherheit: der Sorge, auf Augenhöhe

nicht ausreichend zu sein. Der Weg zu echter Nähe führt über beide Positionen hinweg, hin zu

einer Haltung, in der beide Partner gleich viel wert sind – auch mitten im Streit.

Wenn wir auf Augenhöhe sind, stellt sich die nächste praktische Frage: Wie bringen wir unsere

Wünsche und Kritikpunkte so an, dass der andere zuhören kann, statt in den Widerstand zu

gehen? Genau darum geht es im nächsten Teil dieser Serie – mit einem konkreten, leicht

anwendbaren Werkzeug für den Alltag.


Häufige Fragen

Ist Grandiosität dasselbe wie Narzissmus? Nein. Grandiosität im hier beschriebenen Sinn

ist ein situatives Muster, in das viele Menschen im Streit zeitweise rutschen – kein

feststehendes Persönlichkeitsmerkmal. Es geht nicht um eine Diagnose, sondern um ein

veränderbares Verhaltensmuster im Konflikt.

Wie erkenne ich, ob ich eher zu Überlegenheit oder zu Unterlegenheit neige? Viele

Menschen zeigen beides – je nach Lebensbereich, Tagesform oder Gegenüber. Achte auf

wiederkehrende Gedankenmuster in Konflikten statt auf ein festes Etikett für dich selbst.


Möchtest du dein eigenes Muster zwischen Über- und Unterlegenheit verstehen?

Diese Positionen zu erkennen ist oft leichter mit einem Blick von außen. In einem

unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam darauf, wie sich das bei dir zeigt

– und was ein erster Schritt zu mehr Augenhöhe sein könnte.



 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


KONTAKT

Karl-Marx-Ring.21

16227 Eberswalde​​

Tel.: +49 (0) 15259161477​

oliverfialova@gmail.com

  • Schwarzes Facebook-Symbol
  • Schwarzes Instagram-Symbol
  • Schwarzes YouTube-Symbol

Abgrenzung & Hinweis

Meine Arbeit ist Paarberatung und Coaching und stellt keine Psychotherapie dar.
Sie ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung und richtet sich an Paare ohne akute psychische Erkrankungen.

Ich arbeite beziehungs- und ressourcenorientiert mit dem Fokus auf Kommunikation, Verantwortung und konkrete Beziehungskompetenzen.

© 2025 Paarberatung und Coaching.Oliver Fialova

bottom of page